Offene Bibliothek


Goethes "Faust" neben Asterix Abenteuer

Projekt "Die offene Bibliothek" in Neustadt und Berliner Siedlung gestartet / Bücherausleihe ohne Kontrolle

Von Rolf Dörlamm

Der Mainzer "Kultursommer" hat begonnen. Gestern starteten die beiden amerikanischen Künstler Michael Clegg und Martin Guttmann, beide Jahrgang 1957, ihr zielstrebig vorbereitetes Projekt "Die offene Bibliothek". Bis zum 28. August werden zwei ehemalige Stromverteilerkästen in zwei Mainzer Stadtteilen zum Bücherschrank umfunktioniert sein, gefüllt jeweils mit rund 450 Büchern, deren sich jedermann freizügig bedienen kann. Ohne Aufsicht. Ohne Ausleihzettel. Ohne Rückgabefrist.

Der erste Bücherkasten steht an der Ecke Tanusstraße/Feldbergplatz, der zweite auf einer grünen Wiese am Rande der Berliner Siedlung - am Ende des Fußwegs von der Berliner Straße zum Dampfbahnweg. Während ersterer in einer relativ belebten Erholungszone seinen Platz fand, erschließt der zweite ein bisher nahezu ungenutztes Areal.

Lange hatten die Vorbereitungen gedauert. Zunächst galt es, die geeigneten Standorte zu finden. Die beiden amerikanischen Künstler durchstreiften Mainz intensiv und gründlich, ehe sie sich für Neustadt und Berliner Siedlung entschieden.

Mit einer gewissen Spannung harren sie nun der Entwicklung, die ihre Idee in den nächsten Wochen nehmen wird. Immerhin haben sie in dieser Hinsicht recht unterschiedliche Erfahrungen gemacht: einmal passierte es, daß man ihren aufgestellten Bücherschrank - damals noch aus Holz - kurzerhand stahl, nachdem man die Bücher herausgenommen und auf die Straße geworfen hatte. Ein anderes Mal reizte ihr Objekt zu sinnloser Zerstörung. Und bei der dritten Aktion (in Hamburg) entwickelte sich aus dem mit Lektüre gefüllten Stromverteilerkasten eine richtige Stadtteilbibliothek, die noch heute existiert.

In Mainz fanden die beiden optimale Bedingungen vor. Dr. Gisela Fiedler-Bender, die Direktorin des Landesmuseums, das die Aktion unter der organisatorischen Leitung von Dr. Sabine Jung - gemeinsam mit Claus Friede von der Hamburger Kunstagentur ACC durchführt, zeigte sich denn auch bei der gestrigen Eröffnung sichtlich begeistert angesichts die guten Erfahrungen, die man im Vorfeld gemacht hatte.

Besonders imponierte ihr, daß die Idee, Anwohner die Bücher für "ihre" jeweilige "offene Bibliothek" selbst spenden zu lassen, eine so bemerkenswert gute Resonanz gefunden hatte. Nur einmal hatten Sabine Jung und Claus Friede, als sie in der Berliner Siedlung von Haus zu Haus gingen und für ihre Idee warben, eine Abfuhr erhalten. Da teilte ihnen nämlich in der Berliner Siedlung ein Paar in mittleren Jahren trotzig mit: "Wir haben keine Bücher! Und wir sind stolz, darauf!"

Ansonsten aber stießen sie überall auf nachhaltige Unterstützung. Die Ortsvorsteher Hedwig Brüchert-Schunk (Neustadt) und Wilfried Jung (Oberstadt) engagierten sich für das Projekt, Tiefbau- und Vermessungsamt sowie das Amt für Stadtentwicklung und Statistik halfen unbürokratisch, Kunstgeschichtsstudenten sorgten dafür, daß die angebotenen Büchern in den Wohnungen abgeholt wurden.

Gestern konnte man stolz das Ergebnis besichtigen, überwiegend dokumentiert es freilich einen Blick in Opas Bücherschrank: Anzengruber, Ganghofer, Courths-Mahler, Dahn, Freytag, Fontane finden sich einerseits, daneben Goethe ("Faust") Hesse, Mann, Tolstoi und ein Volksbrockhaus von 1943, andererseits aber auch neunzehn Asterix-Bände.

Was aus der Erstausstattung wird, ist noch ungewiß. Denn die Entleiher sind - in deutscher, englischer und türkischer Sprache - aufgefordert, nicht nur Bücher zu nehmen, sondern auch welche zu bringen. Die Veränderungen werden wöchentlich registriert.

Was freilich noch fehlt, sind Kinderbücher. Und vielleicht wäre es gar nicht schlecht, wenn sich auch bald Lektüre in türkischer Sprache einfände. Interessenten für beides gibt es gewiß.

Quelle: Mainzer Allgemeine Zeitung, Juni 1994




Kopie des Originalartikels [110 KByte]

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