Offene Bibliothek


Die Hunde von Riga in Vietnam ausgesetzt

Beim "Bookcrossing" kann man so gut wie jedes Buch auf der Straße finden - auch in Wiesbaden

Die einen reihen Buch neben Buch, bis das Regal aus allen Nähten platzt, die anderen setzen ihre Lieblingsschmöker mitten in der Fußgängerzone aus, in der festen Überzeugung, dass er "seinen eigenen Weg finden muss". "Bookcrossing" heißt das Phänomen, das auch in Wiesbaden und Umgebung immer mehr Menschen begeistert.

Liebeskummer. Als der junge Mann vor einem Jahr in einem Antiquariat in Frankfurt den Band mit Herzschmerz-Gedichten kaufte, war ihm nur noch zum Heulen zumute. Im strömenden Regen setzte er sich in Bockenheim ans Uhrtürmchen und begann in seinem neu erworbenen Gedichtband mit dem Titel "Nun ist mir von Herzen weh" zu lesen.

Heute ist das alles - Gott sei Dank - Schnee von gestern. Und den Gedichtband braucht er jetzt auch nicht mehr. Deshalb setzte er ihn vor einer Woche wieder im Freien aus. Am Uhrtürmchen - dort wo er noch vor einem Jahr wie ein begossener Pudel gesessen hatte. "Möge das Buch jemand finden, der/die es braucht", gibt er den Gedichten im Internet mit auf den Weg. Und ist damit nur einer von insgesamt 184 402 Menschen weltweit, die sich auf der "Bookcrossing"-Homepage im Internet inzwischen registriert haben, um ihren Büchern die Freiheit zu schenken.

Die Freiheit schenken? Büchern? Sind jetzt alle total verrückt? Die Idee für den weltweiten Büchertausch stammt wie alle etwas außergewöhnlichen Phänomene in der letzten Zeit aus den USA. Dem Land, in dem fleißige Bürger sogar die Nummern ihrer Dollarnoten im Internet registrieren lassen, um zu sehen, durch welche Hände ihr Geld noch so gehen wird. Oder aber Einweg-Kameras auf die Reise geschickt werden, mit denen jeder Finder genau ein Foto machen soll, das dann ebenfalls auf einer Homepage ausgestellt wird.

Nun also Bookcrossing. Im Grunde ist es ganz einfach. Wer ein Buch aussetzen will muss es im Internet unter www.bookcrossing.com registrieren, als Bookcrossing-Buch markieren (entsprechende Aufkleber gibt es zum Downloaden) und dann einfach irgendwo auf die Reise schicken. Der Finder des Buches meldet sich im besten Fall dann kurze Zeit später auf der Homepage und schreibt, ob es dem Buch "gut geht" - ja, so heißt das tatsächlich in der Bookcrossing-Welt.

So liegen die "ausgesetzten" Bücher inzwischen überall herum: In der roten Linie der Moskauer U-Bahn. An der Rezeption eines kleinen Hotels in Hoi An/Vietnam oder aber in der Linie 22 ab dem Dernschen Gelände ("Chronik einer Familie" hieß das Buch, das inzwischen gefunden sein dürfte).

Die meisten Schmöker werden in den USA freigesetzt. Allein in den letzten drei Tagen waren es über 15 000 Werke. Danach folgt Kanada und an dritter Stelle schon Deutschland. 8 500 Mitglieder sind hier bei www.bookcrossing.com registriert. In der Antarktis oder in Andorra gibt es übrigens noch 25 Mitglieder. In Kuba nur 13, in der Mongolei vier und in Vanuatu machen immerhin noch zwei Inselbewohner mit. In Wiesbaden haben sich schließlich 40 Bücherfreunde registriert.

Warum Bookcrosser ihre Bücher überhaupt ins Freie schicken? Weil sie einen Roman gleich zwei Mal im Regal stehen haben ("Wenn Du das Buch schon hast, kann ich es umtauschen. Kein Problem!" "Nein, echt super, das wollte ich schon immer haben...). Weil sie Angst vor dem nächsten Umzug haben ("Haben Sie vielleicht noch Bananenkisten?") oder sich ihr Literaturgeschmack einfach geändert hat. Und manche setzen ein Buch in der Hoffnung aus, dass der nächste Besitzer mit ihm mehr anfangen kann, als man selbst. "Ich fand das Buch dämlich. Blöde Zaubereigeschichte. Genau das Richtige für Leute, die auch Harry Potter lesen würden", notierte beispielsweise eine Wiesbadenerin, die das Werk namens "Oliverio Pan, Magier" kurz darauf den Mainzern vors Theater legte.

Ob sie diesen Platz mit Absicht gewählt hat? Wir wissen es nicht. Dabei scheinen manche Orte für bestimmte Bücher wie gemacht zu sein. So wartete vor wenigen Tagen ein Umweltthriller mit einer russischen Biologin in der Hauptrolle vor dem Bio-Institut an der Mainzer Uni auf einen neuen Besitzer. "Vielleicht inspiriert das Buch ja eine Studentin, die noch nicht so recht weiß, was sie nach dem Diplom machen soll", lautete der Tipp der ehemaligen Roman-Besitzerin aus Frankfurt im Internet. Ein Buch mit "100 Rezepten für die Vegetarische Küche" sollte hingegen das kulinarische Angebot in der Staatsweinkellerei der Hessischen Staatsweingüter in Eltville erweitern. Während auf dem Kreuzfahrtschiff "Carnival Conquest", das gerade in internationalen Gewässern unterwegs war, ein Werk namens "The Perfect Storm" auf einem der Stühle im Aufenthaltsraum für den nächsten Leser bereit lag.

Und wo sollte ein Buch mit dem Titel "I really should have stayed home - The Worst Journeys from Harare to Eternity" seine Reise beginnen? Am Frankfurter Flughafen, dachte sich ein US-Tourist, der dort einen Zwischenstopp machte. Aber was die schwedische Ausgabe von Henning Mankells "Die Hunde von Riga" ausgerechnet in Vietnam sollte, wird wohl für immer ein Rätsel sein.

www.bookcrossing.com

Quelle: Wiesbadener Kurier vom 12.11.2003, JuLe-Redaktionsmitglied Sonja Probst


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